Stadtleben

Unser Stellplatz an der Scorff

Unser Stellplatz an der Scorff

Wenn wir sehr lange irgendwo abseits unterwegs sind, dann sehnen wir uns auch mal nach einer Stadt. Ich meine so eine richtige Stadt mit Trubel und Leben. Die Bretagne ist ja zwar eine sehr ländliche Region aber es gibt schon ein paar große Städte wie Rennes, Brest, Vannes und eben auch Lorient.
Ja, wir kommen fast jedes Jahr nach Lorient und das hat ein paar Gründe. Zum einen haben wir um 2000 herum hier gerne das interkeltische Festival (Festival interceltique de Lorient) besucht, zum anderen hat unsere Freundin hier bis letztes Jahr ihre Wohnung am Rande der City gehabt. Außerdem können wir hier mit dem Wohnmobil einigermaßen gut übernachten.
Lorient hat die Vielfalt einer mittleren Stadt zu bieten, große Einkaufszentren und eine Innenstadt mit einem gemütlichen Leben, die aber auch die üblichen Probleme mit der Attraktivität hat. Hinzu kommt der maritime Flair mit einem Industriehafen, einem Fischereihafen, einem Segelhafen und einem Fährhafen. Der Segelhafen ist wohl der interessanteste da er sich in dem Gebiet der U-Bootbunker aus den Zeiten des zweiten Weltkrieges befindet. Alte Bausubstanz finden wir hier vergeblich, da Lorient von den Alliierten zerbombt wurde.
Unser erster Anlaufpunkt ist das Gewerbegebiet in Lanester. Lanester ist eine eigene Gemeinde und ist von Lorient durch den Fluß Scorff getrennt. Hier gibt es einen netten Bastelladen, der alles hat, was das Kinder.- und Künstlerherz begehrt, von Ölfarben über Bilderrahmen bis hin zu Glasperlen. Wir finden für uns allerdings nur etwas, um kleine Makrameesachen zu basteln.
Weiter geht es auf die andere Seite von Lorient in Richtung K2. K2 ist ein großer Einkaufspark, wie bei uns. Wir parken direkt an der TGV Linie von Lorient nach Quimper. Die Züge stören nicht, dann sie sind viel leiser als in Deutschland, außerdem haben sie, so kurz hinter dem Bahnhof, noch nicht die volle Geschwindigkeit drauf. Es regnet wie aus Eimern und von daher ist es auch egal wo wir stehen. Im Decathlon, das ist wohl der größte Sportdiscounter, ergattern wir, für unsere Verhältnisse, richtig gute Regenjacken. Ist das vielleicht ein Zeichen das wir hier in der Bretagne bleiben sollen? Am nächsten Tag schlendern wir noch mal zum Boulanger, das ist ein Elektronikfachmarkt, ich dachte ich könnte da einen LTE-Roter abgreifen, aber die haben absolut nix, keine Router, nothing! Aus Frust steppen wir noch durch den Brico Dépot, einen Baumarkt der härteren Version, also für Semiprofis mit toller Auswahl und kommen mit einem LED-Leuchtmittel (LED-Glühbirne) wieder heraus. Nach diesem Einkaufsrausch besuchen wir noch den Biocoop, einen richtig guten Bioladen, oder eher Markt der alles hat was ein richtiger Ökujunkie so braucht.

Unsere Aussicht bei Nacht

Unsere Aussicht bei Nacht

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Kunst am Hafen

Mittags ist umziehen angesagt, wir wollen mehr in die City, und eine gute Parkmöglichkeit gibt es direkt an dem Fluß Scorff, die um diese Uhrzeit auch nicht sonderlich belegt sein sollte. So ist es auch, kein einziger PKW, geschweige denn Wohnmobil stehen hier. Es ist zwar unweit der Straße, aber wir können alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen und haben sogar freie Sicht auf den Fluß. Der Verkehr legt sich dann Abends und schläft während der Nacht ein, nur ab und an braust ein Krankenwagen vorbei, denn es ist der direkte Weg zu dem neuen Krankenhauskomplex, der auf dem ehemaligen Gelände des riesigen Militärgeländes „Arsenal“ entstanden ist.
Wir machen uns mit den Fahrrädern auf den Weg entlang des Scorffs. Der Radweg ist erst in den letzten Jahren, auf Grund des Rückzuges des Militärs aus diesem Gebiet, entstanden. Bei dem neuen Krankenhaus ist dann aber leider Schluß mit Lustig. Der dahinter liegende Teil gehört zur DCNS, eine Werft die sich auf den Rüstungsbau im Marinebereich spezialisiert hat. Das Gelände ist über die Brücke, Pont Geydon, mit der östlichen Seite des Arsenals in Lanester verbunden. Hier befindet sich auch noch sichtbar der so genannte Scorff-Bunker aus den Zeiten der deutschen Besetzung. Zwischen einer hohen Mauer und Wohnhäusern geht es eine kleine Straße weiter, um schließlich auf einem großen Platz zu landen, der wie ein Exerzierplatz aus sieht. Letztes Jahr klaffte hier noch ein riesiges Loch, es wurde ein unterirdischer Parkplatz gebaut. Auf dem ehemaligen Arsenalgelände geht es weiter zwischen typischen alten Militärgebäuden, einer alte Windmühle und dem Turm de la Découvert, einem alten Leuchtturm, der bereits 1737 konstruiert wurde . Außerdem halten sich hier hartnäckig ein paar alternative Künstler in kleinen Baracken in Sichtweite des gläsernen Neubaus, dem „Maison de l’Agglomération„. Plötzlich sind wir an der Einfahrt zum Yachthafen und jetzt steuern wir wieder auf die Innenstadt zu, Heike verliert sich bei H&M und ich schleich mich zu fnac (Elektronikfachmarkt,CD’s und Bücher) und schaue dort vergeblich nach irgendwelchen Routern. Auf der Busspur, die gleichzeitig Radweg ist, geht es schnell wieder am Bahnhof vorbei, zu unserer Behausung.
lorient047_005Am Samstag ist Markttag und wir müssen dort natürlich auch hin! Für unsere Verhältnisse aus Bad Oldesloe ist es ein Traum. Annähernd 10 Ökobauernhöker vertreiben hier ihr leckeres Gemüse. Ganz toll sind die Biokiwis aus Caudan. Ja richtig, in der Bretagne wachsen Kiwis, das ist ein weiteres Indiz für das besonders milde Klima. Auch unseren alten Stellplatz wollen wir besuchen, aber der ist jetzt abgesperrt, wie das gesamte Hafengelände, schade. Wir fahren einmal zur Spitze wo der Fischereihafen beginnt um dann die Avenue de la Perrière wieder hoch zu radeln. Es ist eine alte seemännisch geprägte Straße mit sehr vielen kleinen Spelunken. Hier schauen wir regelmäßig beim Comptoir Irlandais rein. Es ist ein kleiner Laden mit typisch irischem Zeugs, vom Hut über Pullover, Tee, cakes, teapots, Whiskey und Briketts. Ja Briketts, es war 2000 der einzige Laden weit und breit in dem wir Briketts für unseren Ofen ergattern konnten. Bei dem Fährbahnhof zur Île de Groix entdeckt Heike das man dort im Café einen netten Ausblick auf den Hafen hat und so genießen wir endlich einmal einen guten café du lait (Milchkaffee), der sogar heiß ist und nur knapp über einen Euro kostet. In Quiberon wird man für einen kalten Café gleich über drei Euro los und hat nicht so eine nette Aussicht. Na ja, im Sommer ist es sicher viel zu quirlig hier, wenn die ganzen Reisenden auf die Fähre warten.

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Die Basilique de Notre Dame du Paradis

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Nacht in Hennebont

Am Samstag Nachmittag ziehen wir dann nach Hennebont um und beziehen ein lauschiges Plätzchen an der Blavet. Lauschig ist etwas übertrieben, denn am Wochenende ist es ein bevorzugter Startpunkt für Wanderungen an der Blavet bis nach Inzinzac Lochrist. Ein Auto nach dem anderen kommt und geht und endet erst spät nach Einbruch der Dunkelheit. Hennebont ist einen Abstecher wert und wer nicht an der Blavet wandern möchte der schaut sich eben die alte Innenstadt an, in dessen Zentrum die mächtige Basilique Notre-Dame du Paradis steht. Leider enttäuscht das Innere der Kirche.

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Die Sonne verabschiedet sich über der Barre d’Étel

Am Montag Vormittag brechen wir dann erneut auf, die Akkus brauchen auf jeden Fall mal wieder eine Volladung und das schaffen wir bei den kurzen Fahrstrecken und dem kurzen Sonnenschein nur mit Landstrom. Aber wir hatten sowieso vor nach Étel auf den Womoplatz zu fahren. Der Scheckkartenautomat geht für deutsche Karten immer noch nicht und so greift Heike sich den Gemeindearbeiter der auf dem Platz umbauten am Sanitärgebäude macht. Er macht uns die Schranke auf und kommt heute Morgen mit einer Kollegin vorbei um das Parkgeld zu kassieren. So freundliche Menschen wie die beiden haben wir ganz selten in unserem Leben getroffen! Und so hat eine nicht funktionierende Technik auch seine Vorteile. Hoffentlich bleibt das so, denn wir kommen ja wieder.
Die erste Nacht war verdammt kalt, es war wohl nur knapp über dem Gefrierpunkt. Dafür haben wir den ganzen Tag strahlend blauen Himmel und diese wundervollen kräftigen Herbstfarben. Es ist wie in einem wundervollen Traum, nur das uns der steife und eiskalte Wind in die Realität zurück holt.

Moules St. Jaques

Moules St. Jaques

Heute war hier in Étel Wochenmarkt und wir kaufen unter anderem frischen Spinat von der Ferme du Sac’h. Im Fischladen greifen wir sechs Noix de Saint Jaques¹ ab, die wir heute abend gemeinsam, mit Kartoffelpü und Spinat und Salat zubereitet haben. Es ist eine wirkliche Delikatesse. Nur die Kobolde meinten das es absolut nicht magenfüllend wäre, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

¹Die Moule Saint Jaques wird ab Herbst geerntet. Als Symbol wird die Muschel für die Pilgerwege nach Santiago de Compostella verwendet.

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