Die ersten Monate auf Nordstrand

Die Wattenkutscher

Nordstrand, die Insel an Land, so nennen die Nordstrander ihre Halbinsel.
Die Nordseeküste verändert sich ständig, sei es durch die Naturgewalten aber auch durch den Menschen. Nordstrand war bis 1987 eine Insel. Die schwere Sturmflut von 1962 zeigte deutlich das etwas gegen die Fluten getan werden musste und so begann man zwischen dem Sönke Nissen Koog im Norden auf dem Festland und dem Elisabeth-Sophien-Koog auf Nordstrand einen neuen Deich zu bauen und so wurde Nordstrand zu einer Halbinsel oder aber auch der Insel an Land.

Es ist jetzt über vier Monate her das wir unsere Behausung in Bad Oldesloe verlassen haben und ihr werdet euch ja sicher fragen wie es uns hier, wo man morgens schon sieht wer Nachmittags zu Besuch kommt, gefällt.
Die Antwort ist ganz einfach: Es ist total geil hier! Wirklich! Wir kannten Nordstrand ja schon etwas von unseren Ausflügen mit dem Wohnmobil aber die liegen ein paar Jahre zurück und so wussten wir so in etwa was auf uns zu kommt. Aber ehrlich gesagt übertrifft es doch alles was wir erwartet hatten.

Inseldom

Nordstrand hat bis jetzt seine Urtümlichkeit bewahren können, ist touristisch aber auch sehr innovativ. Das kleine Ferienzentrum mit Schwimmbad am Norderhafen wirkt eher bescheiden und der Rest ist auf der Insel mehr oder weniger verteilt. Die alten Deiche die die Köge umgeben sind oft mit knuffigen Häusern bebaut und viele alte Höfe thronen stolz auf ihren Warften. So ziemlich in der Mitte der Insel befindet sich das Zentrum, so steht es jedenfalls auf den Hinweisschildern. Dieses Zentrum besteht aus einem Edeka Markt, dem Inseldom der Altkatholischen Gemeinde St. Theresia und der Katholischen Kirche St Knud. Rund einen Kilometer entfernt ist die Herrendeichschule, das Bürgerbüro der Gemeinde Nordstrand, das Inselmuseum, die Postfiliale ein Bäcker und das Inselkaufhaus. Nördlich vom Edeka, auf dem Osterdeich ist noch ein Bäcker und ein Fahrradverleih. Nach Westen raus, also nach Westen, ja, es gibt die Straße „Westen“ ist noch eine Töpferei mit Café. Ich glaube für das tägliche reicht das schon und die Bezeichnung Zentrum hat unser Zentrum wirklich verdient.

Die Reiter zur Hallig Südfall

Was ist das denn nun was wir so toll an dieser beschaulichen Halbinsel finden?
Als erstes ist es die schier unglaubliche Weite, immerhin können wir aus meinem Schlafzimmer den oberen Teil des 19 Kilometer entfernten Westerhever Leuchtturms sehen. Der untere Teil ist nur durch den Abschlußdeich und das Dach eines Hofes verdeckt. Vor uns liegen die Felder und Wiesen des Trendermarschkooges und da wir auf dem Herrendeich wohnen geht der Blick auf der anderen Seite auf den Osterkoog, den zweitältesten Koog Nordstrands. Ach ja, ein Koog ist ein eingedeichtes Gebiet. Nach der zweiten „Groten Mandränke“, einer gewaltigen Sturmflut im Jahre 1634, bei der große Gebiete der alten Insel Strand versanken, wurde Nordstrand wieder eingedeicht, nicht auf einmal sondern ein kleines Gebiet nach dem anderen, so sind die Köge entstanden und deshalb gibt es auch innerhalb Nordstrands viele Deiche die überflüssig erscheinen.

Ui, jetzt bin ich aber weit abgeglitten. Die Weite, die wir so lieben ist wohl das allerschönste aber auch die Menschlichkeit hat einen ganz besonderen Stellenwert, dazu eine kleine Geschichte. Wir kaufen fast alles was wir zum täglichen Leben im Edeka neben dem Dom ein. Was uns schon am ersten Tag aufgefallen ist, ist die unglaublich gute Stimmung der Kunden und Mitarbeiter. Da wird geschnackt und geplaudert, Witze gemacht und auch den Menschen Mut in schweren Lebenslagen zugesprochen. Wir stehen also an der Kasse und vor uns ist eine alte Dame mit einem Gehwagen. Sie braucht ihre Zeit bis sie alles geregelt hat, hat ihr Portemonnaie der Kassiererin gegeben weil sie selber so schlecht sehen kann und das Geld wohl nicht mehr so recht unterscheiden kann. Sie schnackt Plattdeutsch, wie die meisten Einheimischen hier und das tut ihr, und auch uns, so richtig gut, das merkt man, das fühlt man. Zum Schluss steht die Kassiererin auf, nimmt die Dame in den Arm und streichelt ihr über die Wange. In diesem Moment legte sich eine ehrfürchtige Stille über den Laden als wenn alle Anwesenden auch eine Streicheleinheit abgegeben hätten. Diesen Moment werde ich nie vergessen!

Am Fährhafen Strucklahnungshörn

Unser Herz schlägt natürlich für das was vor den Deichen liegt, die Nordsee. Ich versuche täglich eine Morgenrunde mit dem Fahrrad so um die Zeit des Sonnenaufgangs zu drehen. Um diese Zeit schläft Nordstrand zumindest im Sommer noch. Die Straßenlampen gehen erst um 5:30 an und so kann ich den den Morgenhimmel und die Dämmerung so richtig genießen. Jetzt im Sommer gibt es am kleinen Fährhafen Strucklahnungshörn auch immer etwas zu schauen, vor allem wenn die Fahrgastschiffe Adler Express und die Adler V auf ihre Tagestouren aufbrechen oder auch die Fähre Pellworm I die Versorgung der Insel Pellworm aufrecht erhält. Im Hafenkiosk gibt es ab 10 Uhr leckeren Kaffee und so können wir gemütlich dem bunten Treiben zusehen. Es ist jeden Tag ein anderes Bild, geformt durch die Gezeiten und im Hintergrund ist immer die Hallig Nordstrandischmoor oder auch Lüttmoor genannt.

Auf der Suche nach Rungholt

Auch im Watt bin ich ziemlich oft, mindestens einmal die Woche unterwegs, hauptsächlich am Dreisprung hinaus zum untergegangenen Hersbüll. Dort kenne ich mich schon recht gut aus und es ist bei mir schon zu einer Art Sucht geworden. Ab und an nehmen wir auch den bequemen Weg zur Hallig Südfall mit den Pferdekutschen der Wattenkutscher. Es geht auf eine Reise zur 7 km entfernten Hallig Südfall, die täglich nur von 50 Menschen besucht werden darf. Es ist ein einmaliges Erlebnis, genau so wie eine geführte Wattwanderung zum 1362 untergegangenen Rungholt das rund um die Hallig Südfall gelegen ist.

Die Adler V und die Pellworm I

Tourismus? Ja, den gibt es hier natürlich aber es ist eher ein sanfter Tourismus. Trotzdem wird es hier immer Sommer nicht langweilig. Wir haben noch nie so viel unternommen wie hier auf Nordstrand. Von Strucklahnungshörn gehen zwei Fahrgastschiffe jeden Tag auf unterschiedliche Touren und so kann man von hier aus die Halligwelt erleben, Sylt aber auch Helgoland besuchen. Wattwanderungen in unterschiedlichsten Varianten und Vogelexkursionen werden fast jeden Tag angeboten. Vorträge, Musikveranstaltungen und ein ganz ausgezeichnetes Programm bietet die Altkatholische Gemeinde um Pfarrer Jens Schmidt.

Am Hafen Strucklahnungshörn

In der Regel geht es einmal in der Woche in die Stadt Husum, dort ist Donnerstags Wochenmarkt und in dem Zuge erledigen wir noch andere Einkäufe, vornehmlich im Baumarkt. Alles andere, bekommen wir auf unserer Insel an Land genau so preiswert. An dem Donnerstag besuchen wir auch unser Wohnmobil, das steht jetzt sicher im Industriegebit in Husum auf einem angemieteten Stellplatz. Wie es in der Zukunft weiter geht wird sich sich zeigen, vielleicht werden wir uns sogar von ihm trennen?

Es ist also ziemlich viel im Fluss bei uns und wir gehen sogar regelmäßig in die Kirche aber darüber berichten wir ein anderes mal.

Der Tag neigt sich jetzt dem Ende zu, die gelben Sonnenstrahlen scheinen in unsere Zimmer und ich lass den Blick über die Felder und Wiesen bis zum Deich hin schweifen, dorthin wo das Wattenmeer, die Nordsee beginnt.

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